Meine Schüler = meine Helden.

„Ich gebe lieber gleich zu, dass ich mit meinen Schülern gern ein wenig prahle. Ich liebe es, über sie zu sprechen, ihren Erfolg zu feiern. Ich mache das (…), weil sie meine Helden sind.“

zitiert aus: Jeff Walker „Launch“

Elbphilharmonie – Teil 7

Das war´s.

Und wie war´s? Schwer zu sagen, weil die Adjektive natürlich immer schwieriger als Verben. Verben sind einfach: Hinfahren, aufbauen, einstellen, spielen, abbauen, wegfahren. Aber Adjektive sind immer so ein Ding. Da triffst Du vielleicht nur knapp daneben und dann eben nicht Volltreffer, sondern eher Querschläger.

Nun kannst Du den Abend auf viele Arten erzählen: Chronologisch. Emotional. Technisch. Du kannst die Eindrücke der Zuschauer an den Anfang stellen, da ich z.B. die Lichteffekte von der Bühne aus nicht erkennen konnte. Kurz liebäugelte ich mit dem Gedanken, das verwendete Equipment sprechen zu lassen: Weil das Case vom Andi und erste Band, die Gitarre vom Fabi und der Koffer von Musikland in Bremen, der Aufkleber New York 2010, der Verzerrer 1988 in Notting Hill, der Bildschirm früher in der Küche, das Plektrum von Sandra handgefeilt, und somit eigentlich das ganze bisherige Leben mit auf der Bühne. Und völlig bizarr: Der Reichel vor sich das Orginal-Pedalboard, mit dem ich bis 1993 unterwegs war:

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Ich fange mal am Ende an: Um 0:30 Uhr zu Hause alles ausgeladen, die Babysitterin nach Hause geschickt und dann den Sekt mit der Freundin geköpft. Die Tochter natürlich alles verschlafen, weil Punkt acht das Licht aus.

Um 23:30 Uhr das Auto voll beladen mit Musikequipment im Wert von tausenden Euro aus dem Elbphilharmonie-Parkhaus gefahren – und direkt in der nächsten dunklen und verlassenen Seitenstrasse abgestellt, dazu das Portemonnaie offen sichtbar auf dem Beifahrersitz gelassen. Da merkst Du schon, der Kopf nicht mehr so ganz die Höchstleistung, aber alles noch mal gut gegangen. Aber warum überhaupt geparkt? Weil die Freundin.

Auf der Bühne bist Du natürlich unter Anspannung, aber Konzert auch für die Freunde und Familie im Publikum immer eine Nervensache, frage nicht. Da mußt Du Dich schon auch einmal fragen, wie es wohl der Frau vom Maradona ging, als er die „Hand Gottes“ spielte. Oder was der Vater vom Gagarin oder Armstrong sich gedacht hat, als der Sohn mit der Rakete losging. Da brauchte meine Freundin nach dem Ende des Konzertes auch den Riesling, um die Anspannung abzubauen und da stellst Du das Auto natürlich schon hin, um sie aus der Bar abzuholen.

Nun denkst Du vielleicht, wer in der Elbphilharmonie spielt, braucht nur die Musik im Kopf und in der Seele und alles andere egal. Aber das wahre Leben natürlich immer anders: Da triffst Du nach dem Konzert den Kubaner, der den Wirbelsturm in den Knochen hat. Ein Mitglied der Crew an diesem Abend telefoniert mit der Hand an der Stirn und fassungslosem Gesichtsausdruck, weil die Tochter was verschluckt und dann die Luft nicht mehr bekommen hat und zur Notaufnahme. Zum Glück in beiden Fällen mit dem Schrecken davon gekommen, aber frage nicht.

Und auch sportlich: 60 Minuten nach Konzertende muß Bühne und Backstage geräumt sein. Da weißt Du jetzt schon: Mein Auto zu diesem Zeitpunkt noch in der Parkgarage. Und auf der Bühne die Gitarren, die Computer, die Racks und 1 Kubikmeter Kabel. Viele Meter hinter der Bühne die Gitarrenkoffer, die Computerhülle, die Rackdeckel und die Kabelkiste. Aber im Backstage-Raum auch noch die Klamotten, die ungegessene Banane, das Ladekabel, der Rucksack. Und an der Bar vor dem großen Saal warten derweil die Familie und Freunde, die Dir gratulieren wollen. Und an der Bar in der Backstage trudeln reichlich interessante Leute ein. 60 Minuten.

Aber zum Glück das Mobiltelefon: Da kannst Du den Freunden und der Familie eine Nachricht schicken: „Muss jetzt erstmal schnell meine Sachen packen…“ Und mein lieber Freund Haroon mal wieder schnell geschaltet. Aber nicht nur Geistesblitz, sondern auch eiskalt. Weil die Security bei Konzerten immer etwas übermotiviert und da kannst Du bitten oder betteln und einen Schein falten, da kommst Du niemals vorbei an den grimmigen Wächtern zum Mick oder zum Keith. Und Elbphilharmonie nicht nur Konzerthaus, sondern quasi F.B.I.-Zentrale oder Oval Office. Aber der Haroon natürlich trotzdem irgendwie vorbeigekommen und durch die verschiedenen Sicherheitsschleusen und mir die Rackdeckel mitgebracht, weil der hat dieses Ding, der müsste sich nicht im Hochhaus eines Schulbuchverlages in Dallas verstecken, der würde einfach in der Limousine beim Präsidenten zusteigen. Aber nur so konnte ich alles in 60 Minuten in mein Auto bekommen.

Und davor das Konzert: Da stehst Du nun. Nach all der Vorbereitung. Und die Show fängt an. Und es bündelt quasi dein ganzes vorheriges Leben: Die Banderfahrungen, die Gitarre, das Djing, die Computersache und das leiten klassischer Ensembles. Alle diese Aspekte sind heute Abend Teil meines Jobs. Aber es ist kein Job. Es ist die Elbphilharmonie. Da willst Du auch einfach nur jede Sekunde aufsaugen und deinen Spaß haben, denn besser kann es wohl nicht mehr werden. Da habe ich mich schon vorher gefragt, ob ich wohl den Tunnelblick kriegen werde, um die Aufgabe gut zu erledigen oder ob ich noch die Antennen ausfahren kann. Aber beim Konzert dann die Aufgabe mühelos – die Einsätze geben, die Gitarre und den Push spielen ganz einfach und der Kopf ganz frei für den Moment. Im Kopfhörer das wichtige Metronom zu hören, aber ich hatte mir auch ein optisches Metronom programmiert, also vier Lichter, die immer „1, 2, 3, 4“ anzeigten. Daher beste Momente: Kopfhörer runter, 360 Grad umschauen, Situation und Sound auf sich wirken lassen und dann weiter im Programm. Was ich bei diesen Gelegenheiten hörte, hätte für meinen Geschmack noch einen kleinen Tick besser abgemischt sein können, aber nun darfst Du eines nicht vergessen: Neue Stücke, neues Team und erster Auftritt. Wenige Proben mit anderer Technik, keine Test-Konzerte. Alles mit glühend-heisser Nadel gestrickt. Dafür haben wir es äußerst souverän gemacht und beim ersten Mal natürlich keine Experimente und Risiken. Und das ich mich auf der Bühne so locker und frei fühlen würde, hätte ich nicht gedacht. Ein Kind im Bonbon-Laden nichts dagegen.

Vor dem Konzert die Frikadelle mit Brötchen und Senf. Einspielen im eigenen Dressing-Room mit Blick über die Stadt, Couch, Fernseher, Kaffeemaschine, frischem Obst und grandiosem Sonnenuntergang. Beste Backstage ever.

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Um 19:52 Uhr steht die Band schon versammelt am Bühnenaufgang. Da fällt dem Reichel ein: Der Cognac! Also alle zurück in die Umkleide vom Reichel, wo neben einem Steinway schon fünf Cognac-Schwenker bereitstanden. Spätestens hier wird klar: Wir machen hier etwas, wo es um mehr geht als „Dienste“ (übliche Vokabel bei Orchestermusikern), eine „Show“ oder Arbeit. Es ist ein Traum, hier heute sein zu können. Alle Beteiligten sind zu ein Team geworden. Es ist einfach ein Geschenk, dass uns aus dem Nichts vor die Füße gefallen ist. Und jetzt packen wir das Geschenk gemeinsam aus. Wenn ich das Gefühl beschreiben müsste, mit dem ich auf die Bühne ging, dann fällt mir tatsächlich kein passenderer Vergleich ein, als die Weihnachtsfeste, die ich als Kind erlebt habe. Wenn Du aus der Kirche kommst, das letzte Weihnachtslied ist gesungen und Du weißt, jetzt kommen die Geschenke. Als sich die Tür zur Bühne öffnete wußte ich seltsamerweise schon: Es wird. Ich werde mich nicht verspielen, keine Einsetze vergessen und der Computer wird mich auch nicht im Stich lassen. Da kannst du jetzt denken: „Der Cognac“. Und vielleicht hast Du damit sogar recht.

Ok, es gab einen ganz kurzen Moment während der Show, als ich die Vibrationen der Soundanlage im Bühnenboden unter mir an den Füßen spürte und dachte: „Oh Mann, diese Vibrationen werden meinen Computer in Kürze killen!“. Besorgt fühlte ich meinem Computer den Puls und stellte erleichtert fest: Diese schwingungsdämpfende Unterlage, die ich nach der ersten Probe bestellt hatte, funktioniert – es waren nicht einmal minimale Vibrationen am Computergehäuse zu ertasten.

Und davor? Ich traf um 12 Uhr mittags als erster Musiker in der Elbphilharmonie ein, da ich am meisten aufzubauen hatte. Zu meiner Überraschung lief alles wie am Schnürchen und ich würde das Durchschnittsalter aller Elbphilharmonie-Mitarbeiter auf 32 Jahre schätzen. Aber was für ein geiler Haufen! Total professionell, gut ausgebildet, nett, entspannt, zuvorkommend, bemüht und engagiert. Bei meiner Ankunft war die Bühne noch komplett leer, nur das Licht war schon vorbereitet. Da habe ich es mir nicht nehmen lassen, als erstes die Gitarre auf der Bühne des großen Saals kurz auszupacken und „Helter Skelter“ zu spielen. Und wie der Zufall so will: Da läuft mir der Tobias (ein Bekannter von der „Ableton User Group Hamburg“) über den Weg und kommt auf die glorreiche Idee, davon ein paar Bilder zu machen. Nur seinetwegen habe ich jetzt ein paar Fotos von diesem besonderen Moment.

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War das ein Einstieg in den Tag! Und mit jeder Viertelstunde war ich weniger eingeschüchtert von der Elbphilharmonie, mit jeder halben Stunde wurde sie kleiner und am Ende hatte meine Nervosität nur noch die Größe der Bühne. Immerhin. Es machte schon einen großen Unterschied, dass dieses Konzert in der Elbphilharmonie stattfand, und nicht in der Stadthalle Kassel. Zuerst einmal, weil dieser Raum für Musik gemacht wurde. Ich könnte jetzt eine lange Reihe von Konzerten nennen mit unterirdischem Sound (der Gipfel sicherlich „The Cure“ 2016), die ich in der Barclaycard-/O2-/Colorline-Arena gehört habe – weil diese Halle durch ihre Abmessungen und Materialbeschaffenheit niemals für Musik konzipiert war. Aber ich würde noch weiter gehen und sagen: Die Elbphilharmonie quasi sechstes Bandmitglied. Und wenn Du schon einmal selbst als Zuhörer da warst, dann hast Du die Erfahrung und Zuversicht, das Publikum kommt mit einem besseren Gefühl und positiverer Grundstimmung bei seinem Sitz an, als in vielen anderen Konzerthäusern. Und das gilt auch für die Musiker. Da kannst Du wieder den Weihnachtsvergleich machen, weil „Stadthalle“ wie Wohnzimmer an den anderen 364 Tagen des Jahres und „Elbphilharmonie“ hingegen wie 24. Dezember und natürlich der Tannenduft, die bunten Kugeln, Kerzen, die besinnliche Stimmung und alles.

Die Zeit von meiner Ankunft bis zum Konzertbeginn verging wie im Flug: Kabel stecken, Soundcheck, mit Tobias quatschen. Aber auch: Immer wieder auf´s Telefon schauen, weil quasi minütlich neues „toi toi toi“ und „Alles Gute für heute!“ ankam.

Und damit möchte ich auch diesen Blog-Block beenden: Mit Euch! Ich habe in den letzten Wochen so viel Unterstützung, Zuspruch und warme Worte von Euch bekommen, für die ich mich an dieser Stelle bedanken möchte und muss. Ich wurde regelrecht von einer Welle guter Vibes auf die Bühne der Elbphilharmonie getragen. Phänomenal! Egal, ob es um emotionale, technische oder musikalische Unterstützung ging – jeder von Euch hat zum Gelingen dieses Abends beigetragen. Und wenn ich mir anschaue, wer an diesem Abend alles da war: Familie, Freunde, Schüler, ehemalige Schüler, Kollegen, Weggefährten, … Auch wenn dem Internet gerne nachgesagt wird, es wäre vor allem ein Vehikel zur Selbstdarstellung – diesen Blog-Block habe ich vor allem für Euch geschrieben, um Euch an dieser ungewöhnlichen Zeit teilhaben zu lassen. Ohne Euch wäre das ne ziemlich trostlose Veranstaltung gewesen. Ich hoffe, mit diesem Blick hinter die Kulissen euch etwas mitgenommen zu haben durch diese bewegte Zeit.

Und das war´s. Gestern hab ich nen dreistündigen Mittagsschlaf gemacht. Heute war ich erstmal im Schwimmbad. Zwei Stunden im Kinderbereich. Mein Ziel (wäre toll, muss aber nicht…): Die dreijährige Tochter soll den Kopf für ne Sekunde unter´s Wasser machen. Motivationsansprache von mir:

„Wenn Du den Kopf nicht ins Wasser tauchst, dann kannst Du keine Fische sehen!“.

Sie: „Wieso? Ich kann die Fische doch angeln?!“.

Und dann weißt Du, Du bist noch lange nicht am Ziel…

Als letztes: Mein besonderer Dank dem Schriftsteller Wolf Haas, dem Erfinder vom „Brenner“, der mir einen kompakten Schreibstil an die Hand gegeben hat, mit dem es mir auch in hektischen Zeiten möglich war, für Euch zu schreiben.

Elbphilharmonie – Teil 6

Natürlich die Geschichten immer interessant: Der Bono der Tina am Swimmingpool das „Golden Eye“ gemacht. Der Zappa den Rauch auf dem Wasser.. Da kannst Du schon hinter jedem Lied eine Geschichte finden. Aber nicht immer Swimmingpool oder Feuer. Manchmal auch HVV und öffentlicher Nahverkehr. Weil die „Grüne Reise“ vom Reichel in meinen Computer überspielt und remixen erwünscht. Da treffe ich einen Freund in einem Hotel am Flughafen und halbe Weltreise zurück ins eigene Bett. Da kannst Du in Hamburg um 23:30 Uhr viele Stationen kennenlernen, weil Umsteigen hier, und Umsteigen da und fast schon letzte Bahn. Aber die App. Da kannst Du ja schon genau sagen, Du willst von „A“ nach „B“ und Uhrzeit und Datum und alles. Aber dann hast Du Dir das Wiener Schnitzel bestellt, den Grappa, die Nachspeise, den Rotwein und dann fährst Du mit der Bahn vielleicht einmal in die falsche Richtung.

Da kannst Du jetzt zurückrudern und die alte Verbindung, oder noch etwas weiter in die falsche Richtung, dafür aber dann letzte S1 nach Wedel und 45 Minuten ungestört den Computer machen. Und natürlich umsteigen und Bahnhöfe kennenlernen nicht so attraktiv wie die durchgehende Verbindung. Gute Entscheidung. Das Musikmachen im Studio immer auch zielorientiert, aber in der S-Bahn nur Zeitvertreib. Aber da bekommst Du auf einmal die besten Einfälle, weil alles eh egal und „speichern unter“ und keine Erwartungen. Da bist Du plötzlich ganz relaxed und loopst die seltsamsten Stellen, aber alles wie am Schnürchen. Einfälle, die Du im Studio niemals gehabt hättest.

Aber jetzt pass auf: Da bist Du völlig in Deiner Welt versunken, Kopfhörer, Grappa, Nachspeise, und dann schaust Du auf der gesamten Fahrt nur einmal kurz aus dem Fenster und was siehst Du?

Das Haus vom Reichel.

Elbphilharmonie – Teil 5

Nun denkt der Laie vielleicht: Auftritt vorbereiten auch nichts anderes als ein Auto zu bauen. Karosserie, dann Getriebe, Motor, Lackierung und Innenraum.

Aber Prototyp immer eigene Gesetze.

Und „Gesetze“ natürlich gute Überleitung, weil Musiker auch nicht so weit entfernt vom Polizisten. Aber nicht wegen „Musikerpolizei“ und alter Witz, sondern pass auf: Der Polizist natürlich eigentlich der Gesetzeshüter, aber dann der Polizist wiederum eben auch nur ein Mensch. Da hast Du vielleicht mal Deinen Schlendrian oder deinen Moment, wo Du ein Beweisstück verschwinden läßt oder dem verdächtigen Kollegen sein Alibi deckst, weil die Ehefrau. Und eigentlich ja keine große Sache. Da weißt Du natürlich auch, dass der eine Polizist über den anderen niemals ein böses Wort nach außen und die eine Krähe der anderen nicht die Augen. Und bei Musikern eigentlich auch nichts anderes als auf der Wache. Daher Interna im Internet immer delikat und heikle Sache und da brauchst Du das Fingerspitzengefühl.

Wenn Du als Polizist die letzten Monate Tag und Nacht mit einem verzwickten Fall zugebracht hast, und jetzt bekommst Du die einmalige Gelegenheit, den Täter beim Ding auf frischer Tat zu ertappen, da bist Du auf einmal voll bei Sache und frage nicht. Da machst Du plötzlich morgens die Rumpfbeuge und die Liegestütz, da gehst du wieder auf den Schießstand trainieren wie seit Jahren nicht und die Waffe natürlich hundert Mal kontrolliert.

Dann Einsatzbesprechung und du wirst das Gefühl nicht los, der eine Kollege nicht ganz bei der Sache, weil vielleicht die letzte Nacht oder das Wetter oder die Ehefrau. Aber nun ist so ein Einsatz natürlich doppelt gefährlich, wenn der eine Kollege sich die Adresse nicht vollständig gemerkt oder die Augen woanders hat, das Funkgerät im falschen Kanal oder die Waffe vorher nicht überprüft. Weil dann schaust Du vielleicht schon einmal blöd drein und der Fall über alle Berge und Nimmerwiedersehen. Und das willst Du natürlich nicht erleben – weder bei der Polizei und auch nicht im Konzert.

Da hoffst Du dann, dass der Kollege vielleicht nur einen schlechten Tag erwischt hat und auch thematisiert, aber die Einsatzbesprechung natürlich erst einmal gelaufen. Und dadurch natürlich neue Nervosität und Unruhe, die Du gerne lieber nicht hättest, weil Dir klar wird, dass Du für Dich zwar alles vorbereiten kannst, aber Konzert immer Teamarbeit. Und Team in diesem Fall nicht nur die Musiker auf der Bühne, sondern quasi Kompaniestärke und auch ganz wichtig die Kollegen von der Technik, am Mischpult, vom Licht. Da ist der Serienmörder klar im Vorteil, weil der kann ja allein arbeiten. Und wenn der sich an einem Tag nicht wohl fühlt, dann macht er die Leiche halt am anderen Tag.

Aber da kannst Du als Team jetzt natürlich nicht den Prototyp ins Rollen bringen, wenn Du feststellst, dass einer nur drei Räder mitgebracht hat. Da nützt Dir dann auch der schönste Motor nichts.

Noch ist ja nicht aller Tage Abend. Es bleiben noch 7 Tage und sechs Stunden bis zum Auftritt.

Der Rathauspokal

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Dieses Glas habe ich geklaut.

Und das kam so: Auftritt im Hamburger Rathaus. In der großen Eingangshalle. „Lange Nacht der Museen“ – ich wurde gefragt, dort zunächst am Anfang und später zwischen zwei Live-Bands zu spielen. Als DJ. Eigentlich keine große Sache. Routine.

Mittags Soundcheck. Mein Setup gestanden. Musikauswahl vorbereitet. Aber dann die bösen Überraschungen: Festplatte mit der Musik wird nicht erkannt. Schneller Aufbau eigentlich mein Steckenpferd. Weil wenn Du als Kind immer Filme schaust, wo ein Spezialkommando anrückt und in Windeseile die Abhörstation, die Raketenabschussrampe oder die Computer zum Umgehen der Sicherheitseinrichtungen aufbaut, dann willst Du als DJ jetzt nicht die Festplatte zwanzig Mal neu verbinden müssen, damit sie einmal erkannt wird. Aber erst beim einundzwanzigsten Mal Erfolg. Und dann die Musikauswahl für den Raum völlig daneben. Schwer in Worte zu fassen: Beats im Stil der „Beastie Boys“ völlig falsch. Der Raum zu groß, die Stimmung zu sanft, der Hall zu lang. Die Musikauswahl muss also völlig überdacht werden. Und natürlich die Technik. Weil wenn der zweite Block zwischen zwei Bands stattfinden soll hast Du keine Zeit für einundzwanzig Neuverbindungen der Festplatte. Soundcheck also eher Schuß vor den Bug als Soundcheck.

Mit diesen Gedanken den Bus nach Hause genommen. Zwei Stunden, bevor ich wieder los muss zum Auftritt. Verdammt! Natürlich zunächst Daten von externer Festplatte auf PC überspielt. Geschätzte Zeit: Eine Stunde. Dann Musikauswahl. Spontane Intuition: Vivaldi könnte in diesem Ambiente funktionieren. Also die Jahreszeiten importiert. Tempi angepaßt. Effekte vorbereitet. Loops definiert. Zeit ist um – los zum Auftritt.

„Äh, Nils, wir haben da ein Problem. Band Nummer zwei kommt nun doch nicht. Kannst Du nach der ersten Band einfach doppelt so lang spielen? Und, äh, Band drei, unser Hauptact, kommt auch nicht – könntest Du da auch noch Musik machen?“

Was natürlich trotzdem bedeutet hätte: Zweimal sehr schnell auf- und abbauen. Mit den bekannten Risiken der Technik – denn wenn mal der Wurm drin ist…Oh je!

„Klar, kein Problem!“

Immerhin: In der Backstage gibt es prima Essen und ich treffe dort einen ehemaligen Schüler, der inzwischen bei Band eins spielt.

Erstes Set: Kein Problem. Abbau: Kein Problem. Band eins spielt, danach bin ich wieder dran.

Zu meiner Erleichterung: Aufbau wie bei einem Hollywood-Spezialkommando – kein Problem! Vivaldi? Geht super! Immer schön die Loops und Effekte obendrauf. Als hätte ich nie was anderes gemacht.

Noch mal Abbau. Noch mal Aufbau. Kein Problem. Warum ich mein Zeug nicht einfach stehen lassen konnte? Weiß ich auch nicht mehr. Gute Frage. Irgendeinen Grund gab es wohl.

Dann die Zeit, wo eigentlich der Hauptact hätte spielen sollen. Ich nutze die Gelegenheit und spiele Musik, die die Rathaushalle sicherlich noch nie gehört hat: „Beckett & Taylor“, „atom tm“, „Akufen“ und „Captain Comatose“. Den Leuten gefällt´s. Und darauf kommt es ja auch irgendwie an. Die Musikauswahl ist zugegebenermaßen etwas bizarr – aber irgendwie auch genau richtig für dieses Ambiente. An diesem Abend lief es dann doch noch alles wie am Schnürchen. Und als die Saalordner mir irgendwann ein Zeichen gaben, der Feierabend werde nun langsam eingeläutet – holte ich das wunderbare 7-Minuten-Stück „Deep Bunt“ von Pepe Braddock hervor, kletterte von der Bühne, ordnete mich brav in die Schlange an der Bar ein, bestellte mir einen kühlen Riesling und trank den ersten Schluck mit einem unbeschreiblichen Glücksgefühl. Der Streß des Tages perlte an mir herab. Nicht wegen des Weins. Sondern wegen der Erfüllung einer sehr heiklen Mission. Traurigerweise lösen Live-Auftritte bei mir fast nie eine emotionale Reaktion hervor (ein Grund, warum ich das Live-Spielen eingestellt habe…). Alles Routine. Aber hier? Warme, nachhaltige Zufriedenheit.

Und dann stehe ich wieder mit dem Glas in der Hand auf der Bühne und ein letzter guter Gedanke zuckt durch mein Gehirn: „Nimm dieses Glas mit nach Hause!“. Gesagt, getan.

Das Glas hat inzwischen einen Spitznamen bekommen: „Der Rathaus-Pokal.“ Und jedes Mal, wenn ich das Glas benutze, denke ich an diesen Abend zurück. So wie heute. Und schon mehrfach habe ich mir gedacht: Diese Geschichte müßte ich mal aufschreiben. Aber ich weiß immer noch nicht genau, was eigentlich „die Geschichte“ ist. Im Kern: Mittags totale Katastrophe – abends Triumph? Vielleicht kann man das nur nachvollziehen, wenn man versteht, dass ich mittags quasi mit leeren Händen dastand und abends eine adäquate Show abgeliefert habe. Wäre es anders gewesen, wenn es nicht im Hamburger Rathaus stattgefunden hätte, sondern in einer Bar in Hannover? Vermutlich. Eines ist in jedem Fall klar: Es war kein ganz normaler Arbeitstag.

Zum Schluß: Ich halte das geklaute Glas in Ehren. Passe beim Trinken darauf auf, dass es nicht zu nah an der Tischkante steht und beim Abwaschen (von Hand) vermeide ich starken Druck mit der Spülbürste. Beim Schreiben dieses Artikels war es/er mit „Vinho Verde“ aus Portugal gefüllt. Dazu hätte ich auch einiges zu erzählen. Aber nicht heute.

Elbphilharmonie – Teil 4

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Erste Probe in voller Besetzung: Erschütterung. Weil da kannst Du Dir das schönste Hippie-Gefühl aufbauen, Freiheiten schaffen, Experimente vorbereiten, den musikalischen Trip auf dein Löschblatt träufeln und dann bei der ersten Probe die Realität: Meteoriteneinschlag. Der Computer zwar auf solidem Ständer. Die Festplatte auf der Erde und ich ganz entspannt im Schneidersitz davor. Aber plötzlich Computer-Aussetzer. Denn wenn der Percussionist die Musik zum Trainieren seines Bizeps nutzt: Feierabend. Der Boden bebt und selbst die externe Platte auf das Sofa zu betten ohne Erfolg. Also heute morgen bestellt: Unterlage zur Schwingungsdämpfung. Findest Du in 5 Minuten im Internet. Ach, ist das schön!

Und dann die modernen Mythen zum Laptop-Musiker: Zum Auftritt nur mit einem USB-Stick.

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Aber Realität: Soviel Zeug, eng gepackt, ist es dann schon. Mythos in diesem Fall widerlegt.

Und: Im Juli sechszig Stunden für die Vorbereitung. Stücke schneiden. Parts definieren. Loops setzen. Samples suchen. Virtuelle Instrumente bauen. Klare Grenzen für Effekte definieren. Alles beschriften. Speichern, testen, durchspielen. Den Mitmusikern Material zum Üben bereitstellen: Alle Songs in sechs Einzelspuren. Alle Parts einzeln. Alle Parts einzeln, und den Bass noch mal extra. Einloggen. Hochladen. Warten. Fehler beim Hochladen. Oder Mailadresse falsch. Ein Musiker Sonderfall: Kein Computer. Also CD brennen, Titel auf Hülle schreiben, Umschlag, Briefmarke, Adresse, Briefkasten.  Alles zwei Mal, weil „Nachzügler“ in der Setlist. Das eigene Setup aufsetzen. Den neuen Gitarrenverstärker („Kemper Profiler“) verstehen und einrichten. Demos für Plattenfirma und Presse erstellen. Gefährliche Regler an den Geräten abkleben. Karten und Hotels für Gäste.

Aber vergessen: Fingernägel schneiden vor der Probe. Weil als Gitarrist zu lange Nägel links quasi Bremsklotz und kein Grip und unmöglich. Kann man leicht vergessen, sollte beim Auftritt aber besser nicht passieren. Also Liste für den Tag des Konzertes: „Nicht vergessen: Essen, Netzteile, Gesichtsausdruck, Fingernägel“.

Und Frösche: Hamburg natürlich Großstadt, aber der Reichel am Rand und hier Probe, dort Bachlauf. Proberaum nicht im 15. Stock, sondern Erdgeschoss, also Natur vor der Tür. Am Ende die Netzteile von der Erde einsammeln. Und vor mir hüpft es. Daumennagelgroß. Haben sich zwei kleine Frösche eingeschlichen. Reichel sofort dabei, quasi Frösche umstellt. Zack, zack, beide gefangen und wieder Freiheit.

Nun hat der Kahneman ein gutes Buch geschrieben: Weil Denken immer Kopf – und Kopf natürlich nicht immer Realität. Ein Kapitel hier besonders interessant, weil jetzt pass auf: Wenn die Katastrophe groß ist, dann Reaktion exakt gleich groß. Hochwasser des Jahrhunderts sieben Meter – die Dämme danach exakt sieben Meter. Aber nächstes Hochwasser natürlich acht Meter und das Gehirn dann überrascht, weil Denkprozess vorher zu schnell. Also langsam denken. Erste Probe bestes Beispiel.

Weitergedacht: Backup? Ja.

Backup fährt aber mit Hauptcomputer in EINEM Fahrzeug zur Veranstaltung. Auto geht in Flammen auf – beide Systeme verbrennen. Hier natürlich einsetzender Wahnsinn, weil beide Computer in unterschiedlichen Fahrzeugen transportieren Jennifer Lopez- plus Mariah Carey-Allüren und die Teppichfarbe von der Backstage zur Bühne plötzlich nicht mehr egal. Aber da kannst Du mal sehen, welche Folgen das Lesen von Büchern hat.

Aber bevor alles noch weiter hochkocht, fahr ich jetzt mal für 4 Tage an die Ostsee und tauche meinen Kopf in´s eiskalte Wasser. Hohwachter Bucht – fantastische Ecke!

Elbphilharmonie – Teil 3

Geplante Konzertlänge: neunzig.

Vorhandenes Material: siebzig.

Ohne Loops gerechnet, die noch Extraminuten bringen werden. Daher: 20 Minuten Remix der „grünen Reise“ muss her. Handgespieltes Originalmaterial vorbereiten (für die Insider: „warpen“), beste Stellen suchen und zusammenfügen. Dann immer Glückssache: Passende Loops finden. Da hast Du eine Gitarre mit sehr spezieller Rhythmik und suchst dazu einen Drum-Loop. Und quasi auf Anhieb fischst Du aus 2 TB ein Sample raus, dass nicht nur die gleiche Rhythmik, sondern auch die passenden Betonungen hat. Und wenn Dir das in zehn Minuten drei Mal nacheinander passiert, dann weißt Du: Guter Tag zum Loops-Angeln!

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Das Remix also hop-hop gebaut, am Schnürchen gelaufen. Da freust Du dich, bevor Dir klar wird, dass jetzt der anstrengende Teil kommt. Denn zuerst natürlich nur Kreativität und freuen über passende Samples. Aber irgendwann Ernüchterung, weil nach 7 Minuten alles nur noch halb so laut wie am Anfang und gegen Ende Dauergast im roten Bereich. Da musst Du schon noch die Lautstärken anfassen und bei 35 Spuren mit je 20 Minuten Inhalt die to-do-Liste quasi Äquatorlänge. Aber günstige Gelegenheit: Freundin und Tochter für einen Tag aus dem Haus, die Nachbarn im Urlaub, Verpflegung so einfach und effektiv wie möglich vorbereitet:

 

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Und dann los. Die ersten Stunden abmischen mit Yamaha ns-10 für die Lautstärken. Nächster Durchgang mit Pioneer-Boxen für die tiefen Frequenzen. Kopfhörer für Hall und „Ping“ von links, „Pong“ von rechts. Und dazu etwas Rioja. Genug, um der Müdigkeit zu trotzen. Nicht zuviel, weil gefährlich. Mühsame, kleine Fortschritte:

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Nach 7 Stunden zufrieden. Für den Live-Einsatz allerdings noch unbrauchbar: Da muss man schon aus 35 Spuren 5 machen. Und Abschnitte definieren. Loops setzen. Möglichkeiten schaffen. Beschriften. Es gibt keine langweiligere Tätigkeit in meinem Job als das Beschriften von „Clips“. Ohne Wein unerträglich. Mit Wein unerträglich. Aber irgendwann alles bereit für den Live-Einsatz:

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Am Ende natürlich noch testen. Weil wenn Du 12, 14, 16 Stunden hochkonzentriert musizierst, natürlich der Fehlerteufel. Zum Glück nur einen blöden Fehler gefunden: Beim Export alles schön aufgeteilt in Drums, Bass, Gitarre usw., aber an einer Stelle plötzlich Drums auf der Gitarrenspur. Schnell behoben, kein Drama.

Fazit: 30 Stunden Musik gemacht in 36 Stunden. Davon höchstens 10% kreativer Anteil. 90% stumpfsinniges Handwerk. Aber nötig. Muss halt gemacht werden. Jetzt einen Daten-Zustand erzeugt, mit dem man jahrelang sicher auf der Bühne experimentieren und Spaß haben kann. Mache jetzt noch schnell ein Backup und geh dann schlafen…

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Elbphilharmonie – Teil 2

Und dann steht es von einem Tag auf den anderen plötzlich überall im Netz: Wir in der Elbphilharmonie.

Und da wird Dir klar: Ab jetzt tickt die Uhr – runter.

Da steht hinter deinem Namen in der Vorankündigung „Gitarre“ und Du hast den Job als Gitarrenlehrer nach zwanzig Jahren im Herbst 2016 an den Nagel gehängt und seitdem vielleicht mal „Der Mond ist aufgegangen“ für die 3-Jährige zum Einschlafen gespielt. Und es gibt bisher kein einziges geschriebenes Wort für die Beschreibung und Vorankündigung des Projektes. Und Facebook braucht Musik-Ausschnitte, um den Gig zu promoten. Ja, was glaubst denn Du: Es ist nicht mehr 1996 und Plakat am Baustellenzaun alles. Und natürlich brauchst Du auch noch ca. 40 Minuten mehr Musik für ein abendfüllendes Programm. Und ein Backup-System, falls der Computer zicken sollte. Und doppelte „Controller“ (also Geräte zum Spielen des Computers). Und Licht. Einen Bühnenaufbau. Für ein rundes Haus. Ein anderes Audiointerface. Verlässliche Kabel. Reichlich. Passende Klamotten. Karten für die Familie und deine Freunde. Übernachtungsmöglichkeiten. Aber nebenher hast Du eine 60 Stunden-Arbeitswoche. Ein Kind. Eine Freundin. Geburtstage. Einschulungen. Einkäufe. Wäsche. Abwasch. Ein kaputtes Handy. Emails. Altglas. Pfand. Und eigentlich hast Du ja Ferien und müsstest Dich dringend mal erholen.

Und die Erfahrung: Schon mal „König der Vorbereitung“ gewesen. Aber dann am Stichtag: Völlig übermüdet. Augenringe bis zum Kinn, frage nicht. So soll das nicht wieder werden. Also eine Balance herstellen. Hundert Dinge auf einem Zettel, trotzdem Schwimmen gehen. Hauptsächlich Kinderbereich. Aber auch Köpper vom Dreier.

Letzte Woche bei Woody Allen in der Elbphilharmonie. Der Sound unbeschreiblich. Gut! Ambiente phänomenal. Trotzdem gehöre ich zu den Kritikern der Elbphilharmonie. War einfach zu teuer. Hätte man das „Molotov“ mit vergolden oder den „Pudel“ fünfzehnstöckig aufbauen können. Oder die ganze Kohle für Flüchtlingshilfe im Mittelmeer. Könnten wir halt nicht in diesem Neubau spielen. Wäre mir ehrlich gesagt auch egal, wenn dadurch weniger Leute im Mittelmeer ertrinken, weil für 750 Millionen kannst Du einige Leute aus der Not retten: „Sie wurden gerettet mit freundlicher Unterstützung der Stadt Hamburg – dem Tor zum Leben…äh…zur Welt!“. Wäre eine dufte Aktion gewesen.

Als Musiker finde ich´s geil da zu spielen, keine Frage. Der mitfühlende Mensch in mir findet es pervers, von einem 750 Millionen-Haus umgeben zu sein. Diesen Spagat muss ich für mich auch noch irgendwie sortieren. Auf der Liste.

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