Elbphilharmonie – Teil 5

Nun denkt der Laie vielleicht: Auftritt vorbereiten auch nichts anderes als ein Auto zu bauen. Karosserie, dann Getriebe, Motor, Lackierung und Innenraum.

Aber Prototyp immer eigene Gesetze.

Und „Gesetze“ natürlich gute Überleitung, weil Musiker auch nicht so weit entfernt vom Polizisten. Aber nicht wegen „Musikerpolizei“ und alter Witz, sondern pass auf: Der Polizist natürlich eigentlich der Gesetzeshüter, aber dann der Polizist wiederum eben auch nur ein Mensch. Da hast Du vielleicht mal Deinen Schlendrian oder deinen Moment, wo Du ein Beweisstück verschwinden läßt oder dem verdächtigen Kollegen sein Alibi deckst, weil die Ehefrau. Und eigentlich ja keine große Sache. Da weißt Du natürlich auch, dass der eine Polizist über den anderen niemals ein böses Wort nach außen und die eine Krähe der anderen nicht die Augen. Und bei Musikern eigentlich auch nichts anderes als auf der Wache. Daher Interna im Internet immer delikat und heikle Sache und da brauchst Du das Fingerspitzengefühl.

Wenn Du als Polizist die letzten Monate Tag und Nacht mit einem verzwickten Fall zugebracht hast, und jetzt bekommst Du die einmalige Gelegenheit, den Täter beim Ding auf frischer Tat zu ertappen, da bist Du auf einmal voll bei Sache und frage nicht. Da machst Du plötzlich morgens die Rumpfbeuge und die Liegestütz, da gehst du wieder auf den Schießstand trainieren wie seit Jahren nicht und die Waffe natürlich hundert Mal kontrolliert.

Dann Einsatzbesprechung und du wirst das Gefühl nicht los, der eine Kollege nicht ganz bei der Sache, weil vielleicht die letzte Nacht oder das Wetter oder die Ehefrau. Aber nun ist so ein Einsatz natürlich doppelt gefährlich, wenn der eine Kollege sich die Adresse nicht vollständig gemerkt oder die Augen woanders hat, das Funkgerät im falschen Kanal oder die Waffe vorher nicht überprüft. Weil dann schaust Du vielleicht schon einmal blöd drein und der Fall über alle Berge und Nimmerwiedersehen. Und das willst Du natürlich nicht erleben – weder bei der Polizei und auch nicht im Konzert.

Da hoffst Du dann, dass der Kollege vielleicht nur einen schlechten Tag erwischt hat und auch thematisiert, aber die Einsatzbesprechung natürlich erst einmal gelaufen. Und dadurch natürlich neue Nervosität und Unruhe, die Du gerne lieber nicht hättest, weil Dir klar wird, dass Du für Dich zwar alles vorbereiten kannst, aber Konzert immer Teamarbeit. Und Team in diesem Fall nicht nur die Musiker auf der Bühne, sondern quasi Kompaniestärke und auch ganz wichtig die Kollegen von der Technik, am Mischpult, vom Licht. Da ist der Serienmörder klar im Vorteil, weil der kann ja allein arbeiten. Und wenn der sich an einem Tag nicht wohl fühlt, dann macht er die Leiche halt am anderen Tag.

Aber da kannst Du als Team jetzt natürlich nicht den Prototyp ins Rollen bringen, wenn Du feststellst, dass einer nur drei Räder mitgebracht hat. Da nützt Dir dann auch der schönste Motor nichts.

Noch ist ja nicht aller Tage Abend. Es bleiben noch 7 Tage und sechs Stunden bis zum Auftritt.

Der Rathauspokal

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Dieses Glas habe ich geklaut.

Und das kam so: Auftritt im Hamburger Rathaus. In der großen Eingangshalle. „Lange Nacht der Museen“ – ich wurde gefragt, dort zunächst am Anfang und später zwischen zwei Live-Bands zu spielen. Als DJ. Eigentlich keine große Sache. Routine.

Mittags Soundcheck. Mein Setup gestanden. Musikauswahl vorbereitet. Aber dann die bösen Überraschungen: Festplatte mit der Musik wird nicht erkannt. Schneller Aufbau eigentlich mein Steckenpferd. Weil wenn Du als Kind immer Filme schaust, wo ein Spezialkommando anrückt und in Windeseile die Abhörstation, die Raketenabschussrampe oder die Computer zum Umgehen der Sicherheitseinrichtungen aufbaut, dann willst Du als DJ jetzt nicht die Festplatte zwanzig Mal neu verbinden müssen, damit sie einmal erkannt wird. Aber erst beim einundzwanzigsten Mal Erfolg. Und dann die Musikauswahl für den Raum völlig daneben. Schwer in Worte zu fassen: Beats im Stil der „Beastie Boys“ völlig falsch. Der Raum zu groß, die Stimmung zu sanft, der Hall zu lang. Die Musikauswahl muss also völlig überdacht werden. Und natürlich die Technik. Weil wenn der zweite Block zwischen zwei Bands stattfinden soll hast Du keine Zeit für einundzwanzig Neuverbindungen der Festplatte. Soundcheck also eher Schuß vor den Bug als Soundcheck.

Mit diesen Gedanken den Bus nach Hause genommen. Zwei Stunden, bevor ich wieder los muss zum Auftritt. Verdammt! Natürlich zunächst Daten von externer Festplatte auf PC überspielt. Geschätzte Zeit: Eine Stunde. Dann Musikauswahl. Spontane Intuition: Vivaldi könnte in diesem Ambiente funktionieren. Also die Jahreszeiten importiert. Tempi angepaßt. Effekte vorbereitet. Loops definiert. Zeit ist um – los zum Auftritt.

„Äh, Nils, wir haben da ein Problem. Band Nummer zwei kommt nun doch nicht. Kannst Du nach der ersten Band einfach doppelt so lang spielen? Und, äh, Band drei, unser Hauptact, kommt auch nicht – könntest Du da auch noch Musik machen?“

Was natürlich trotzdem bedeutet hätte: Zweimal sehr schnell auf- und abbauen. Mit den bekannten Risiken der Technik – denn wenn mal der Wurm drin ist…Oh je!

„Klar, kein Problem!“

Immerhin: In der Backstage gibt es prima Essen und ich treffe dort einen ehemaligen Schüler, der inzwischen bei Band eins spielt.

Erstes Set: Kein Problem. Abbau: Kein Problem. Band eins spielt, danach bin ich wieder dran.

Zu meiner Erleichterung: Aufbau wie bei einem Hollywood-Spezialkommando – kein Problem! Vivaldi? Geht super! Immer schön die Loops und Effekte obendrauf. Als hätte ich nie was anderes gemacht.

Noch mal Abbau. Noch mal Aufbau. Kein Problem. Warum ich mein Zeug nicht einfach stehen lassen konnte? Weiß ich auch nicht mehr. Gute Frage. Irgendeinen Grund gab es wohl.

Dann die Zeit, wo eigentlich der Hauptact hätte spielen sollen. Ich nutze die Gelegenheit und spiele Musik, die die Rathaushalle sicherlich noch nie gehört hat: „Beckett & Taylor“, „atom tm“, „Akufen“ und „Captain Comatose“. Den Leuten gefällt´s. Und darauf kommt es ja auch irgendwie an. Die Musikauswahl ist zugegebenermaßen etwas bizarr – aber irgendwie auch genau richtig für dieses Ambiente. An diesem Abend lief es dann doch noch alles wie am Schnürchen. Und als die Saalordner mir irgendwann ein Zeichen gaben, der Feierabend werde nun langsam eingeläutet – holte ich das wunderbare 7-Minuten-Stück „Deep Bunt“ von Pepe Braddock hervor, kletterte von der Bühne, ordnete mich brav in die Schlange an der Bar ein, bestellte mir einen kühlen Riesling und trank den ersten Schluck mit einem unbeschreiblichen Glücksgefühl. Der Streß des Tages perlte an mir herab. Nicht wegen des Weins. Sondern wegen der Erfüllung einer sehr heiklen Mission. Traurigerweise lösen Live-Auftritte bei mir fast nie eine emotionale Reaktion hervor (ein Grund, warum ich das Live-Spielen eingestellt habe…). Alles Routine. Aber hier? Warme, nachhaltige Zufriedenheit.

Und dann stehe ich wieder mit dem Glas in der Hand auf der Bühne und ein letzter guter Gedanke zuckt durch mein Gehirn: „Nimm dieses Glas mit nach Hause!“. Gesagt, getan.

Das Glas hat inzwischen einen Spitznamen bekommen: „Der Rathaus-Pokal.“ Und jedes Mal, wenn ich das Glas benutze, denke ich an diesen Abend zurück. So wie heute. Und schon mehrfach habe ich mir gedacht: Diese Geschichte müßte ich mal aufschreiben. Aber ich weiß immer noch nicht genau, was eigentlich „die Geschichte“ ist. Im Kern: Mittags totale Katastrophe – abends Triumph? Vielleicht kann man das nur nachvollziehen, wenn man versteht, dass ich mittags quasi mit leeren Händen dastand und abends eine adäquate Show abgeliefert habe. Wäre es anders gewesen, wenn es nicht im Hamburger Rathaus stattgefunden hätte, sondern in einer Bar in Hannover? Vermutlich. Eines ist in jedem Fall klar: Es war kein ganz normaler Arbeitstag.

Zum Schluß: Ich halte das geklaute Glas in Ehren. Passe beim Trinken darauf auf, dass es nicht zu nah an der Tischkante steht und beim Abwaschen (von Hand) vermeide ich starken Druck mit der Spülbürste. Beim Schreiben dieses Artikels war es/er mit „Vinho Verde“ aus Portugal gefüllt. Dazu hätte ich auch einiges zu erzählen. Aber nicht heute.

Elbphilharmonie – Teil 4

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Erste Probe in voller Besetzung: Erschütterung. Weil da kannst Du Dir das schönste Hippie-Gefühl aufbauen, Freiheiten schaffen, Experimente vorbereiten, den musikalischen Trip auf dein Löschblatt träufeln und dann bei der ersten Probe die Realität: Meteoriteneinschlag. Der Computer zwar auf solidem Ständer. Die Festplatte auf der Erde und ich ganz entspannt im Schneidersitz davor. Aber plötzlich Computer-Aussetzer. Denn wenn der Percussionist die Musik zum Trainieren seines Bizeps nutzt: Feierabend. Der Boden bebt und selbst die externe Platte auf das Sofa zu betten ohne Erfolg. Also heute morgen bestellt: Unterlage zur Schwingungsdämpfung. Findest Du in 5 Minuten im Internet. Ach, ist das schön!

Und dann die modernen Mythen zum Laptop-Musiker: Zum Auftritt nur mit einem USB-Stick.

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Aber Realität: Soviel Zeug, eng gepackt, ist es dann schon. Mythos in diesem Fall widerlegt.

Und: Im Juli sechszig Stunden für die Vorbereitung. Stücke schneiden. Parts definieren. Loops setzen. Samples suchen. Virtuelle Instrumente bauen. Klare Grenzen für Effekte definieren. Alles beschriften. Speichern, testen, durchspielen. Den Mitmusikern Material zum Üben bereitstellen: Alle Songs in sechs Einzelspuren. Alle Parts einzeln. Alle Parts einzeln, und den Bass noch mal extra. Einloggen. Hochladen. Warten. Fehler beim Hochladen. Oder Mailadresse falsch. Ein Musiker Sonderfall: Kein Computer. Also CD brennen, Titel auf Hülle schreiben, Umschlag, Briefmarke, Adresse, Briefkasten.  Alles zwei Mal, weil „Nachzügler“ in der Setlist. Das eigene Setup aufsetzen. Den neuen Gitarrenverstärker („Kemper Profiler“) verstehen und einrichten. Demos für Plattenfirma und Presse erstellen. Gefährliche Regler an den Geräten abkleben. Karten und Hotels für Gäste.

Aber vergessen: Fingernägel schneiden vor der Probe. Weil als Gitarrist zu lange Nägel links quasi Bremsklotz und kein Grip und unmöglich. Kann man leicht vergessen, sollte beim Auftritt aber besser nicht passieren. Also Liste für den Tag des Konzertes: „Nicht vergessen: Essen, Netzteile, Gesichtsausdruck, Fingernägel“.

Und Frösche: Hamburg natürlich Großstadt, aber der Reichel am Rand und hier Probe, dort Bachlauf. Proberaum nicht im 15. Stock, sondern Erdgeschoss, also Natur vor der Tür. Am Ende die Netzteile von der Erde einsammeln. Und vor mir hüpft es. Daumennagelgroß. Haben sich zwei kleine Frösche eingeschlichen. Reichel sofort dabei, quasi Frösche umstellt. Zack, zack, beide gefangen und wieder Freiheit.

Nun hat der Kahneman ein gutes Buch geschrieben: Weil Denken immer Kopf – und Kopf natürlich nicht immer Realität. Ein Kapitel hier besonders interessant, weil jetzt pass auf: Wenn die Katastrophe groß ist, dann Reaktion exakt gleich groß. Hochwasser des Jahrhunderts sieben Meter – die Dämme danach exakt sieben Meter. Aber nächstes Hochwasser natürlich acht Meter und das Gehirn dann überrascht, weil Denkprozess vorher zu schnell. Also langsam denken. Erste Probe bestes Beispiel.

Weitergedacht: Backup? Ja.

Backup fährt aber mit Hauptcomputer in EINEM Fahrzeug zur Veranstaltung. Auto geht in Flammen auf – beide Systeme verbrennen. Hier natürlich einsetzender Wahnsinn, weil beide Computer in unterschiedlichen Fahrzeugen transportieren Jennifer Lopez- plus Mariah Carey-Allüren und die Teppichfarbe von der Backstage zur Bühne plötzlich nicht mehr egal. Aber da kannst Du mal sehen, welche Folgen das Lesen von Büchern hat.

Aber bevor alles noch weiter hochkocht, fahr ich jetzt mal für 4 Tage an die Ostsee und tauche meinen Kopf in´s eiskalte Wasser. Hohwachter Bucht – fantastische Ecke!

Elbphilharmonie – Teil 3

Geplante Konzertlänge: neunzig.

Vorhandenes Material: siebzig.

Ohne Loops gerechnet, die noch Extraminuten bringen werden. Daher: 20 Minuten Remix der „grünen Reise“ muss her. Handgespieltes Originalmaterial vorbereiten (für die Insider: „warpen“), beste Stellen suchen und zusammenfügen. Dann immer Glückssache: Passende Loops finden. Da hast Du eine Gitarre mit sehr spezieller Rhythmik und suchst dazu einen Drum-Loop. Und quasi auf Anhieb fischst Du aus 2 TB ein Sample raus, dass nicht nur die gleiche Rhythmik, sondern auch die passenden Betonungen hat. Und wenn Dir das in zehn Minuten drei Mal nacheinander passiert, dann weißt Du: Guter Tag zum Loops-Angeln!

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Das Remix also hop-hop gebaut, am Schnürchen gelaufen. Da freust Du dich, bevor Dir klar wird, dass jetzt der anstrengende Teil kommt. Denn zuerst natürlich nur Kreativität und freuen über passende Samples. Aber irgendwann Ernüchterung, weil nach 7 Minuten alles nur noch halb so laut wie am Anfang und gegen Ende Dauergast im roten Bereich. Da musst Du schon noch die Lautstärken anfassen und bei 35 Spuren mit je 20 Minuten Inhalt die to-do-Liste quasi Äquatorlänge. Aber günstige Gelegenheit: Freundin und Tochter für einen Tag aus dem Haus, die Nachbarn im Urlaub, Verpflegung so einfach und effektiv wie möglich vorbereitet:

 

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Und dann los. Die ersten Stunden abmischen mit Yamaha ns-10 für die Lautstärken. Nächster Durchgang mit Pioneer-Boxen für die tiefen Frequenzen. Kopfhörer für Hall und „Ping“ von links, „Pong“ von rechts. Und dazu etwas Rioja. Genug, um der Müdigkeit zu trotzen. Nicht zuviel, weil gefährlich. Mühsame, kleine Fortschritte:

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Nach 7 Stunden zufrieden. Für den Live-Einsatz allerdings noch unbrauchbar: Da muss man schon aus 35 Spuren 5 machen. Und Abschnitte definieren. Loops setzen. Möglichkeiten schaffen. Beschriften. Es gibt keine langweiligere Tätigkeit in meinem Job als das Beschriften von „Clips“. Ohne Wein unerträglich. Mit Wein unerträglich. Aber irgendwann alles bereit für den Live-Einsatz:

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Am Ende natürlich noch testen. Weil wenn Du 12, 14, 16 Stunden hochkonzentriert musizierst, natürlich der Fehlerteufel. Zum Glück nur einen blöden Fehler gefunden: Beim Export alles schön aufgeteilt in Drums, Bass, Gitarre usw., aber an einer Stelle plötzlich Drums auf der Gitarrenspur. Schnell behoben, kein Drama.

Fazit: 30 Stunden Musik gemacht in 36 Stunden. Davon höchstens 10% kreativer Anteil. 90% stumpfsinniges Handwerk. Aber nötig. Muss halt gemacht werden. Jetzt einen Daten-Zustand erzeugt, mit dem man jahrelang sicher auf der Bühne experimentieren und Spaß haben kann. Mache jetzt noch schnell ein Backup und geh dann schlafen…

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Elbphilharmonie – Teil 2

Und dann steht es von einem Tag auf den anderen plötzlich überall im Netz: Wir in der Elbphilharmonie.

Und da wird Dir klar: Ab jetzt tickt die Uhr – runter.

Da steht hinter deinem Namen in der Vorankündigung „Gitarre“ und Du hast den Job als Gitarrenlehrer nach zwanzig Jahren im Herbst 2016 an den Nagel gehängt und seitdem vielleicht mal „Der Mond ist aufgegangen“ für die 3-Jährige zum Einschlafen gespielt. Und es gibt bisher kein einziges geschriebenes Wort für die Beschreibung und Vorankündigung des Projektes. Und Facebook braucht Musik-Ausschnitte, um den Gig zu promoten. Ja, was glaubst denn Du: Es ist nicht mehr 1996 und Plakat am Baustellenzaun alles. Und natürlich brauchst Du auch noch ca. 40 Minuten mehr Musik für ein abendfüllendes Programm. Und ein Backup-System, falls der Computer zicken sollte. Und doppelte „Controller“ (also Geräte zum Spielen des Computers). Und Licht. Einen Bühnenaufbau. Für ein rundes Haus. Ein anderes Audiointerface. Verlässliche Kabel. Reichlich. Passende Klamotten. Karten für die Familie und deine Freunde. Übernachtungsmöglichkeiten. Aber nebenher hast Du eine 60 Stunden-Arbeitswoche. Ein Kind. Eine Freundin. Geburtstage. Einschulungen. Einkäufe. Wäsche. Abwasch. Ein kaputtes Handy. Emails. Altglas. Pfand. Und eigentlich hast Du ja Ferien und müsstest Dich dringend mal erholen.

Und die Erfahrung: Schon mal „König der Vorbereitung“ gewesen. Aber dann am Stichtag: Völlig übermüdet. Augenringe bis zum Kinn, frage nicht. So soll das nicht wieder werden. Also eine Balance herstellen. Hundert Dinge auf einem Zettel, trotzdem Schwimmen gehen. Hauptsächlich Kinderbereich. Aber auch Köpper vom Dreier.

Letzte Woche bei Woody Allen in der Elbphilharmonie. Der Sound unbeschreiblich. Gut! Ambiente phänomenal. Trotzdem gehöre ich zu den Kritikern der Elbphilharmonie. War einfach zu teuer. Hätte man das „Molotov“ mit vergolden oder den „Pudel“ fünfzehnstöckig aufbauen können. Oder die ganze Kohle für Flüchtlingshilfe im Mittelmeer. Könnten wir halt nicht in diesem Neubau spielen. Wäre mir ehrlich gesagt auch egal, wenn dadurch weniger Leute im Mittelmeer ertrinken, weil für 750 Millionen kannst Du einige Leute aus der Not retten: „Sie wurden gerettet mit freundlicher Unterstützung der Stadt Hamburg – dem Tor zum Leben…äh…zur Welt!“. Wäre eine dufte Aktion gewesen.

Als Musiker finde ich´s geil da zu spielen, keine Frage. Der mitfühlende Mensch in mir findet es pervers, von einem 750 Millionen-Haus umgeben zu sein. Diesen Spagat muss ich für mich auch noch irgendwie sortieren. Auf der Liste.

Elbphilharmonie – Teil 1

Wie kommt man als Musiker für ein Konzert in den großen Saal der Elbphilharmonie?

Da kannst Du hundert Demo-CDs einreichen, dem Direktor die Tür aufhalten, die Philharmonie liken. Trotzdem wirst Du da nicht spielen. Aber zu sagen, „Ich mache seit 5 Jahren keine Konzerte mehr“: Quasi Türöffner für das eigene Karma. Jetzt pass auf: Der Achim Reichel immer schon für eine Überraschung gut. In den frühen Siebzigern psychedelische Musik und das Band lief immer mit, frage nicht. Da hört er letztes Jahr in die Bänder wieder rein und von 30 Minuten sind 28 Minuten nix. Aber dazwischen zwei Minuten Magie. Also solche Minuten aufgestöbert, weil Trüffelschwein bleibt Trüffelschwein. Und dann genug magische Minuten zusammengefegt, um da herum eine CD zu machen, quasi „Remix“.

Nun ist die CD fertig und der Achim seinem alten Freund Karsten Jahnke ein Exemplar gegeben. Jahnke Konzertveranstalter seit hundert Jahren, quasi alle meine Helden der Jugend auf eine Bühne in meiner Nähe gesetzt. Und das Du nicht glaubst, alle hundertjährigen Konzertveranstalter quasi scheintot und immer nur „früher“. Noch immer Begeisterung für neue Musik und auch Mut, weil wenn Du nur die Rihanna oder die Helene machst, dann kannst Du eigentlich auch gleich die Pommes in einem Schnellimbiss salzen. Der Jahnke aber noch immer für neue Rezepte offen. Nun also ein Jahr im Studio die Schleifen geknotet und das Projekt beendet – da kommt der Jahnke mit der Elbphilharmonie im Arm um die Ecke. Weil wenn Dir die Elbphilharmonie vor die Nase gestellt wird, da fällt Dir so schnell nix ein, warum Du da nicht spielen solltest. Pistole an der Schläfe nichts dagegen.

Aber 50 Minuten Musik auf CD, die in einem Jahr entstanden sind, verwandeln sich nicht durch Magie in ein 90-minütiges Liveset. Aber da stehen wir jetzt. Und es gibt auf einmal tausend drängende Fragen und viele Ideen. Und eine gnadenlose Deadline: 15.09., 20 Uhr.

Ab jetzt wird´s richtig spannend!

Das steht nicht im Handbuch!

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Das Musizieren mit einer Software gehört zu den schönsten Dingen in meinem bisherigen Leben. Ohne Frage ist es in meiner „Top 10“ der Dinge, die mich bisher am glücklichsten gemacht haben – und in dieser Liste sind durchaus mächtige Gegner: „Eine Familie gründen“, „Schnorcheln in einem Korallenriff“ oder „Einem Menschen das Leben retten“.

Aber kein Licht ohne Schatten – denn beim Arbeiten mit der Musiksoftware „Ableton Live“ habe ich schon mehrere kleine oder größere Katastrophen erlebt. Selbst erlebt oder bei Freunden und Schülern beobachten müssen. Manche dieser Katastrophen wurden dabei von Dingen ausgelöst, die in keinem Handbuch (bei „Live“ heißt es „Anleitung“) stehen.

Mit diesem Blogartikel möchte ich eine Sammlung eröffnen, in der ich derartige Dinge zusammentrage, um anderen Anwendern sehr bittere Momente zu ersparen. Wenn Du, lieber Leser, auch eine solche Geschichte teilen möchtest, dann schreib sie in die Kommentare oder nimm einfach Kontakt zu mir auf!

Und ich fange mal mit der grausamsten Situation an:

Nummer 1:

Ein Schüler bastelte seit 3 Monaten an einem umfangreichen Live-Set. Es bestand zu 100% aus neuem Material, keine alten Ideen wurden benutzt. Der Controller „Push“ sollte zum Einsatz kommen, daher war nicht nur das musikalische Material umfangreich, sondern auch die Steuerung für „Push“ weit fortgeschritten und aufwändig optimiert. An einem hektischen Tag im Februar erscheint der Schüler von der Arbeit bereits erschöpft zum Unterricht und möchte an einem alten Song weiterarbeiten. Also geht er auf „Zuletzt benutzte Sets öffnen“, wählte dort diesen Song aus und es erschien das Dialogfenster mit „Änderungen sichern?“. Im Kopf bereits völlig auf den alten Song eingestellt, drückte er im Bruchteil einer Sekunde auf „Nein“.

Und das schöne Live-Set war für immer (und unwiederrufbar) weg.

Welcher Fehler war hier passiert?

Der Schüler hatte das Live-Set auf seinem Computer niemals zuvor gespeichert. Das Set war anscheinend 3 Monate lang geöffnet gewesen; und in dieser ganzen Zeit hatte er seinen Computer auch kein einziges Mal heruntergefahren oder „Live“ geschlossen.

Wie hätte der Fehler verhindert werden können?

Sobald das Dialogfenster „Änderungen sichern?“ auftaucht, sollte man keinesfalls überstürzt handeln. Hier wird eine sehr wichtige Frage gestellt und dieser Tatsache sollte man sich immer bewußt sein. Also: Ruhe bewahren. Im Zweifelsfall „Abbrechen“ wählen. „Sichern unter“ verhindert schlimmeres und tut nicht weh. Aber das ist noch längst nicht die einzige Methode, um bittere Tränen zu vermeiden. Denn wer neue Zwischenstände eines Projekts immer absichert (auch wieder mit „Speichern unter…), der kann zumindest auf eine ältere Version zurückgreifen, falls doch mal was schiefgeht. Und da wir alle nur Menschen sind: Es geht immer was schief…

Und was mir auch ein Rätsel ist: Kurz bevor der betroffene Schüler die fatale Entscheidung traf, „Nein“ zu drücken, meldete sich sein Backup-Assistent auf dem Computer und teilte mit, er hätte seit 3 Monaten keine Sicherungskopien erstellt. Dieses Fenster wurde mit einem verächtlichen „Nerv mich nicht, blödes TimeMachine!“ geschlossen.

Also: Eine Verkettung unglücklicher Entscheidungen. Vieles davon ziemlich dämlich. Ein Extremfall? Du würdest Dich wundern, wie oft ich schon ähnliche Geschichten gehört habe. Allein aus diesem Jahr kenne ich vier ähnliche Fälle.  Es scheint also doch nicht so selten vorzukommen. Und immer waren die Leute in diesem Moment gestresst oder müde. Natürlich steht in der Live-Anleitung, wie man etwas speichert. Alle Optionen. Aber es fehlt die Dramatik darin. Die Eindringlichkeit. Die lauernde Tragödie.

Und, ich muß gestehen: Auch ich habe schon mal einen ganzen Abend bis zur Erschöpfung an einer Idee gebastelt und am Ende nicht gespeichert. Hat richtig weh getan…war ein toller Track.

Nummer 2:

Ich hatte viel Material in der Session angesammelt. Genug für einen Song, also wollte ich meine Elemente nun arrangieren. Und wie geht das in Live am besten? Arrangement-Record drücken und dann in der Session alle Ideen grob durchspielen. Hab ich gemacht. Dabei sind durch Zufall sogar einige Dinge gelungen, die mich überraschten, die nicht geplant waren und die ich auch nicht so einfach reproduzieren könnte. Wie ernüchtert war ich danach, als ich feststellen mußte, dass die Aufnahme nicht richtig funktioniert hatte. Denn ich hatte eine Sache übersehen.

Ein kleines Rätsel für Dich: So wie im Bild unten sah meine Session am Anfang der Aufnahme aus. Findest Du den Fehler?

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Vielleicht hast Du den Fehler entdeckt: Ich hatte einen Loopbereich im Arrangement aktiviert: Ein zweitaktiger Loop nach sieben Takten. So wurden nur die ersten Takte meiner schönen Session aufgezeichnet, denn danach lief die Zeitachse im Arrangement wegen des Loops nicht weiter durch. So ein Mist!

Daher habe ich mir inzwischen antrainiert, immer noch einen Kontrollblick auf den Arrangement-Loop-Schalter zu werfen, bevor ich eine Session aufzeichne. Trotzdem schade, um diese schöne Aufnahme. Ich konnte die „Magie“ im nächsten Versuch nicht wieder herstellen. Und nicht im übernächsten. Und in den zehn Versuchen danach.

Fortsetzung folgt…

Ableton Live User Group Hamburg

Einhundert Mal habe ich nun die „Ableton Live User Group Hamburg“ veranstaltet und moderiert und dabei vor allem viele nette Menschen kennengelernt. Außerdem war der Austausch mit anderen Musikern und Live-Anwendern natürlich sehr interessant. Nun lege ich die Organisation und Ausrichtung in frische Hände – denn die „User Group“ besteht weiter und ich werde als Gast immer mal wieder teilnehmen. Wer mehr erfahren möchte, kann das hier tun.

Bei meinem letzten Auftritt als Moderator hatten wir „Electric Indigo“ zu Gast, die uns viel über ihre Arbeit verraten hat, insbesondere ihren Umgang mit dem „Granulator“ in Live. Vielen Dank an alle Teilnehmer der „User Group“ – an diesem Abend und in den letzten Jahren. Es war mir eine Freude!

Die seit 2009 bestehende „User Group“ ist ein offenes und kostenloses Treffen von Einsteigern und Fortgeschrittenen, Musikern, DJs und Produzenten zum offenen Ideenaustausch. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich. Der Eintritt ist frei und Getränke gibt es gegen eine kleine Spende.

Jedes Monatstreffen hat ein anderes “Thema”, zu dem ein kurzer Vortrag, Workshop oder eine Session den Anfang des Treffens bildet. Im Anschluß kann und darf alles stattfinden, was ein gutes User Group-Treffen ausmacht: Reden &  Austauschen, Sessions, DJing, Musik machen, an Tracks basteln, Samplen…Einen kleinen Eindruck von einem UG-Treffen bekommst Du hier. Komm vorbei – wir freuen uns immer über neue Leute!

Manchmal entstehen aus einem UG-Treffen auch tolle, neue Dinge. Wie hier zu sehen (Danke, Peter!).


www.facebook.com/AbletonUserGroupHamburg

UG-hh

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